Kleine Küchenphilosophie: Vom Selbstmachen

Kleine Küchenphilosophie Nietzsche

„There is no ethics in food“ sagte mir mein Fahrer aus der Lebensmittelbranche als ich per Anhalter von Bulgarien nach Griechenland gereist bin. Er verdiente sein Geld, ein Produkt billig in Bulgarien einzukaufen und in Griechenland als traditionell griechisches Produkt zu verkaufen.

Es gibt unzählige Beispiele für Schwindeleien im food business — die richtigen Suchworte und ein zufälliger Klick in Google liefern schnell Artikel wie diesen hier (Umfruchten klingt besonders gut!). Eigentlich müsste man der Lebensmittelbranche grenzenlosen Respekt und Bewunderung zollen ob all ihrer Einfälle und ihrer Energie, diese absurden Dinge umzusetzen. Was da für Know-How dahinterstecken muss! Wäre es nur nicht so traurig…

Eine wachsende Do-It-Yourself-Begeisterung

Ich denke, wir Verbraucher sind selbst schuld an dieser Misere. Wir kaufen blauäugig Produkte, freuen uns über Schnäppchen und lassen all das mit uns machen.

Ich denke, die Hersteller sind verantwortlich für diese Misere — wie sollen wir die Zeit aufbringen, all unsere Einkäufe umfassend auf ihre Herkunft zu recherchieren? Und warum sollten wir überhaupt davon ausgehen, dass uns jemand hier — hier! mitten im Alltag der Zivilisation! — so einen Schwachsinn andreht?

Ärgerlich. Aber, unser Umgang mit den Angeboten im Supermarkt scheint sich ein wenig zu bessern. Die Absurdität der Branchentricks sind für die Medien Grund genug, darüber zu berichten und wir Verbraucher werden misstrauischer. Eine unserer Reaktionen darauf ist eine wachsende Do-It-Yourself-Begeisterung. (Alle hier postulierten Gesellschaftstrends sind von mir nicht statistisch untersucht und reine Wahrnehmungseindrücke (; )

Die Gründe liegen auf der Hand

Einige Gründe zum Selbermachen liegen auf der Hand: Bereite ich mein Essen selbst zu, so habe ich mehr Kontrolle und mehr Bewusstsein darüber, was ich konsumiere. Das muss zwangsläufig so sein, weil ich gezwungen bin, mich mit der Materie auseinanderzusetzen, statt nur eine Verpackung eines Produktes zu öffnen.

Selbst zubereitetes Essen wird zudem in vielen Fällen frischer sein und mehr Nährwerte enthalten.

Folgt man nicht der Logik von „Zeit ist Geld“, ist selbstgemachtes Essen außerdem oft preisgünstiger: Bei Beispielrechnungen von Kosten selbstgemachter Aufstriche kam ich zu Ergebnissen von 30-60ct/100g, während gekaufte Aufstriche sich in Bereichen ab 1.30€/100g bewegen.

Zusätzlich hat das Selbstmachen eine wichtige emotionale Komponente: Ich habe Gedanken in die Planung meines Essens gesteckt, habe eigene Schweißtropfen für die Herstellung meines Essens vergossen, habe Zeit mit meinem Essen verbracht, womöglich etwas neues gelernt und zum Schluss etwas geschaffen (um es wenig später mit größter Freude zu zerstören — Genesis und Katharsis vereinen sich beim Essen!).

All das kann Emotionen auslösen, die sich positiv auf den Geschmack auswirken können. Ein Paradebeispiel für psychische Einflüsse auf den Geschmack ist Omas Tomatensuppe aus der Kindheit. All diese psychischen Faktoren entfallen bei einem gekauften Produkt, das gekaufte Produkt ist meist weit von meiner Persönlichkeit getrennt.

Selbstgemacht oder gekauft: Keine Schwarz-Weiß-Skala

Während sich in den letzten Jahren meine Selbstmachfreude entwickelt hat, stand ich immer wieder vor einem Problem: Was ist eigentlich selbstgemachtes Essen? Bei jedem Essen, das nicht vollkommen essfertig aus der Packung kommt, bringt man eine eigene Arbeit ein, macht also etwas selbst: Man nimmt eine Tiefkühlpizza aus der Verpackung und schiebt sie in den Ofen (den man hoffentlich zuvor angeschaltet hat).

Ich muss gestehen, dass es mich manchmal schüttelt, wenn ich im Supermarkt einen Blick auf die Einkaufswägen anderer Verkehrsteilnehmer werfe. Aber auch ich kaufe z.B. konserviertes Apfelmus, Sojamilch oder passierte Tomaten. Alles Zutaten, die man theoretisch auch selbst herstellen kann. Mit welchem Kriterium denkt man von einem Fertigprodukt nun schlechtes, vom anderen nicht?

Vielleicht liegt das Kriterium nahe, dass passierte Tomaten ja eine Zutat sind, während die Tiefkühlpizza ein vollständiges Essen darstellen will? Ich finde das schwierig. Ich könnte einen Fertigboden, eine Fertigsauce und Gemüse aufeinander stapeln. Der Fertigboden wäre damit eine Zutat — das Selbstmachgefühl dabei hält sich aber in Grenzen.

Ich frage mich jetzt, ob jede Grenze, an der sich das Selbstmach- vom Fertigprodukt scheiden soll, willkürlich gesetzt sein muss. Dass man nicht zweidimensional von fertiggekauft oder selbstgemacht sondern lediglich vom Selbstmachanteil sprechen kann.

Den Selbstmachanteil erhöhen

Die fertige Tiefkühlpizza hätte einen Selbstmachanteil von wenigen Prozent. Da selbstgemacht ja aber supi ist (siehe oben), kann man sich nun überlegen, wie der Selbstmachanteil erhöht werden kann: Oben erwähnte Variante mit Fertigboden und Fertigsauce? Oder sogar ein selbstgemachter Boden und eine selbstgemachte Sauce?

Gibt es unter ernährungsbewussten Menschen wohl eine eher mehrheitliche Ablehnung der Tiefkühlpizza, kann es beim Erhöhen des Anteils zu weit kniffligeren Fällen kommen: Will ich die Tomatensauce aus frischen, reifen Tomaten zubereiten oder reichen mir passierte Tomaten aus dem Tetrapack? Nicht vielleicht auch die Hefe für den Pizzabodenteig selbst züchten?

Sicher kann es darauf nur individuelle Antworten geben. Meine eigene Antwort ist, dass es mir außerordentlich Spaß macht, auf entdeckerische und erfinderische Art und Weise den Selbstmachanteil so hoch wie möglich zu pushen (: Und deshalb befasst sich das vegankitchenlab mit Themen wie selbst gebackenem Brot oder selbst eingelegtem Sauerkraut!

Es nimmt kein Ende

Bis jetzt habe ich eine wesentliche Sache unter den Tisch fallen lassen: den Bezugsrahmen des Selbstmachanteils. Was sind 100% selbstgemacht? Wäre es nicht wundervoll, die verwendeten Tomaten sogar noch selbst angebaut zu haben? Und dann wäre es doch ideal, die Tomaten gleich aus eigenem Saatgut zu ziehen. Und dann… Verdammt, es nimmt kein Ende!

Bei aller Freude an der Sache, muss irgendwo Schluss sein. Für mich selbst ist der Bezugsrahmen all das, was innerhalb der Küche selbst gemacht werden kann (was keinesfalls heißt, dass mich Gemüse aus einem eigenen Garten emotional kalt ließe..). Es wird aber klar, dass die Selbstmachbegeisterung eindeutig zur Selbstversorgung weist (das ist nicht weiter verwunderlich: keine Selbstversorgung ohne Selbstmachen).

Die Sache mit der Zeit

Dem ein oder anderen wandert beim Lesen dieses Beitrags vielleicht ein „Ehhhhmmm…. Zeit?!?“ im Kopf herum. Eigenes Brot, eigene Aufstriche, eigene Gewürzpasten, vielleicht ein Kräuterbeet auf dem Balkon, selbst eingelegtes Sauerkraut, … Zeitlich unmöglich, all diese Dinge ausschließlich selbst zuzubereiten.

Mich verlockt die Idee, für solche Zwecke eine kleine (2-4 Personen) „Nachbarschaftsgemeinschaft“ mit anderen Küchenfreunden zu bilden, in der man durch Austausch und Zusammenarbeit gemeinsam Selbstmachanteile erhöhen kann. Das ist sowieso praktisch, weil ein Zubereiten der doppelten Menge oft mit weniger als dem doppelten Aufwand einhergeht.

Ob dabei die emotionale Komponente des Selbstmachens wieder verloren geht? Ich glaube, dass das eher unwesentlich passieren würde, da eine andere emotionale Komponente den Verlust wett machen würde: das Miteinander.

 

Die Kleine Küchenphilosophie ist mein monatliches, bewusst subjektives Gedankenschlendern über Einstellungen und Gefühle zu den Themen Essen, Kochen, Ernährung und ihren gesellschaftlichen Kontexten.

 

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