Kleine Küchenphilosophie: Ernährungstheorien 2/3 – Probleme der Ernährungswissenschaft

Kleine Küchenphilosophie Nietzsche

In Teil 1 meiner Kritik an kursierenden (Un)Gesundheitstheorien habe ich ausgemalt, wie komplex und schwer verständlich die Themen Ernährung und Gesundheit für uns sein müssen — und wie sehr das im Gegensatz dazu steht, wie endgültig und monokausal uns all die vielen Ernährungstheorien präsentiert werden.

Solch eine Komplexität zu erfassen ist eigentlich die Kernaufgabe unserer gesellschaftlich organisierten Wissenschaft. Und in der Tat mangeln viele Ernährungstheorien nicht an — teils mehr, teils weniger seriösen — wissenschaftlichen Studien, Theorien, Quellen. In diesem Artikel möchte ich ausführen, warum uns trotz der vielen Wissenschaft die Orientierung so schwer fällt, was uns denn nun gut und was uns schlecht tut.

Prolog: Die China-Study

Das China-Cornell-Oxford-Project ist eine über zwei Jahrzente durchgeführte Studie zum Einfluss unserer Ernährung auf unsere Gesundheit. Im gesamten China wurden über Jahre hinweg Blut und Urinproben auf eine Vielzahl von Faktoren analysiert, Krankheits- und Sterberaten festgehalten, geographische Einflüsse miteinbezogen, Lebensgewohnheiten und allen voran die Ernährung der Menschen untersucht. Diese enorm breite Studie konnte letztlich über 8000 statistisch signifikante Korrellationen erfassen.

Der Leiter des Projekts, T. Colin Campbell, veröffentlichte 2004 unter dem Namen The China Study¹ ein Sachbuch zu dieser groß angelegten Studie. Er erklärt darin, wie signifikant deren Ergebnisse darauf hinweisen, dass unsere schwerwiegendsten Zivilisationskrankheiten — Krebs, Herzanfälle, Diabetes, … — auf den Verzehr von tierlichen Produkten zurückzuführen seien. Eine „pflanzenbasierte Vollwertkost“ könne enorm effizient sein, diese Krankheiten zu verhindern oder zu heilen. Im Deutschen trägt das Buch auch den Untertitel „Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Lebensweise“.

Campbell, einmal selbst auf einer Farm mit einem Bild von Kuhmilch als hochgesundem Lebensmittel groß geworden, heute etablierter Wissenschaftler, vertritt mit diesem Buch eine unbeliebte These. Das tut er mit großer Überzeugung, die er aus den beachtlichen Ergebnissen seiner Studie zieht. Dabei betont er gleichzeitig die Wichtigkeit der Ganzheitlichkeit des Ernährungsthemas, kritisiert den Wissenschaftsbetrieb und erklärt dem Leser Begriffe wie statistische Signifikanz.

Kurzum: Wow! Für mich als Normalmensch hat das doch Hand und Fuß: Schlüssige Beschreibungen, Fachautorität und Menschlichkeit des Autors, Ergebnisse, die in der „seriösen Wissenschaftswelt“ entstanden und von ihr überprüft worden sind… Jetzt weiß ich endlich, dass eine vegane Ernährung nicht nur ethisch notwendig, sondern auch für uns selbst das Gesündeste ist — und jeden, der da anderes behauptet, kann ich auf die Wissenschaft verweisen!

Schön wär’s… Eine Bloggerin namens Denise Minger verfasste dann nämlich eine ziemlich lange Kritik² zu Campbells China-Study — und zwar eine faire, vermeintlich unvoreingenommene, aber gleichzeitig doch scharfe Kritik an Campbell: Teilweise Nicht-Erwähnung von Ergebnissen, die gegen seine Thesen sprechen, „unfair“ ausgewertete Statistiken, ein Verfall zu monokausalen Sichtweisen — einige sehr große Fauxpas für einen Wissenschaftler.

Also waren Campbells wissenschaftlich gestützte Erkenntnisse doch reine Scheinwahrheit, wertlos? Doch dann, welch Glück!, die Reaktion Campbells, ebenfalls ein längerer Text³. So wandert der Spielball zurück. Darauf wird Frau Minger dann wiederum ganze zehn weitere Artikel⁴ recherchieren, in der sie Campbells Thesen weiter unter die Lupe nimmt und kritisiert…

Okay, machen wir hier stop. In meinem Artikel wird es nicht darum gehen, die China-Study auszuwerten (habe ich selbst nicht getan). Das ganze Tamtam ist lediglich ein wunderbar schönes Vorspiel für das, was ich euch jetzt vorstellen mag: Meine allgemeine Skepsis gegenüber unseren Möglichkeiten, zu „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ und „Wahrheiten“ in Ernährungs-Gesundheits-Fragen zu gelangen.

Wissenschaft als neuer Glaube?

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind in den letzten Jahrhunderten zu einem zentralen Maßstab für unser menschliches Handeln geworden. Früher galt das als Wahrheit, was uns Glaube und Kirche als solche präsentiert haben — heute können wir von unserem*r Gegenüber fordern, dass er*sie uns bitte empirische Studien, Experimente, wissenschaftliche Erklärungen als Beleg für seine*ihre Aussagen präsentieren möge.

Diese Entwicklung hat uns einen Schritt mündiger gemacht. Schließlich ist der zentrale Unterschied zwischen Wissenschaft und Glaube der, dass wissenschaftliche Ergebnisse für jeden Menschen nachvollziehbar sind: Wer möchte, kann alle relevanten Bücher und Studien lesen, den Gedankengängen folgen, die gemachten Experimente reproduzieren — und er*sie wird selbst zu den vom Wissenschaftler vorgelegten Ergebnissen gelangen.

Wissenschaftliche Aussagen anderer können wir widerlegen, göttliche Eingebungen nur bezweifeln. In der Theorie gibt das ein sehr starkes Argument für die Wissenschaft und gegen den Glauben.

Aber wie sieht meine Realität aus? … wenn ich lese, dass Campbells Forschungen erwiesen haben, dass eine vegane Ernährung die gesündeste Ernährungsform ist? … wenn ich von Minger lese, wie schlampig Campbell möglicherweise ausgewertet hat? Bin ich dann wirklich in der Lage, diese Ergebnisse selbst nachzuvollziehen, eigens ein fundiertes Urteil zu fällen?

Ich sage nein. Als gewöhnlicher Mensch habe ich keinen Zugang zu all den wissenschaftlichen Aufsätzen, die für die Studie relevant gewesen sein mögen. Ich habe kein Labor zum Messen von Nährwerten. Und wenn ich mal auf der Straße Menschen frage, ob ich sie beobachten kann, wie sie monatelang ihren Ernährungsplan möglichst konstant halten und dabei 40% ihres Eiweißbedarfes durch Soja decken, dann schauen die ganz schön seltsam!

Ja, höchstwahrscheinlich habe ich nicht einmal die Zeit zu alledem. Und so bleibt mir ab einem gewissen Punkt nichts anderes übrig, als mich auf das zu verlassen, was mir andere Menschen als Wissenschaft anbieten — ich muss ihnen glauben. Klar gibt es im Wissenschaftsbetrieb dazu Kontrolle und Gegenkontrolle durch andere Fachleute — aber letztlich glaube ich auch hier nur an die Integrität der Kontrollinstanzen.

Glaube bedingt gesundes Grundmisstrauen

Dieser Glaube fällt mir bei der hochkomplexen Ernährungswissenschaft sehr schwer. (Un)Gesundheit habe ich im ersten Teil dieser Artikelreihe für uns Menschen ohnehin als sehr schwierig zu erschließen gehalten. Und dann soll unsere Erkenntnis auch noch von einer ebenfalls sehr komplexen, gesellschaftlich organisierten, Wissenschaft ausgehen?

Eine Wissenschaft, die auf das Ideal des wahrheitsliebenden Forschers angewiesen ist — die mit ihrem enorm gesellschaftsformendem Einfluss aber immer auch Ziel von persönlichen, politischen oder wirtschaftlichen Interessen sein muss?

Denn ohne Zweifel würden Campbells Theorien einigen Menschen viel Geld kosten, anderen Menschen viel Geld bringen. Und sie würden unsere Landwirtschaftsinfrastruktur und auch unsere persönliche Lebensführung erheblich umgestalten. Da wimmelt es nur so von Menschen, die erhebliche Interessen für oder gegen die Resultate der Studie haben müssen.

Ich bin skeptisch… Dabei ist es nichtmal so, dass mein Bauchgefühl mir sagt, dass die Ergebnisse unserer Ernährungswissenschaft allesamt wertlos wären. Ich kann mir vorstellen, dass das System in vielen Fällen ganz gut funktioniert. Trotzdem scheinen mir (wie ich gleich noch weiter ausführen will) Fehler darin fast notwendig.

Und so entsteht mir ein gesundes Grundmisstrauen gegenüber „wissenschaftlicher Erkenntnisse“, das es mir unmöglich macht, mich hinzustellen und Aussagen zu verkünden wie „Es ward erwiesen: Die vegane Ernährung ist die Gesündeste!“ — was leider irgendwie gerade die Art und Weise vieler (Un)Gesundheitstheorien (oder zumindest derer medialen Darstellung) ist.

Wissenschaftliche Gründlichkeit

Wo wir schon beim Idealbild eines Wissenschaftlers als Wahrheitssuchenden waren… Es gibt noch ein weiteres Forscherideal, das ich für wichtig, aber sehr schwer zu verfolgen halte — Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Sind wir mal ehrlich, eigentlich müsste mensch jede einzelne Studie und alle daraus gezogenen Schlüsse bis ins kleinste Detail untersuchen: Welche Entscheidungen bei ihrer Durchführung getroffen wurden, welches statistische Modell zugrunde gelegt worden ist, ob wirklich alle gezogenen Schlüsse von den vorhandenen Daten gestützt werden, ob alle verwendeten externen Quellen korrekt wiedergegeben worden sind, ob alle verwendeten Wörter präzise definiert sind… Und mensch muss die Dinge überprüfen, die nicht sichtbar sind: Sind alle potentiellen Faktoren bedacht worden? Ist irgendwo ein wichtiger Aspekt verschwiegen oder übergangen worden? Und all das untersuche mensch dann noch für alle angeführten Quellen!

Das untersuchte Werk sollte dabei durch gute Erklärungen helfen. Aber: Thesen/Beobachtungen wirklich Schritt für Schritt so aufzuschreiben, dass ein Text präzise darlegt, was gemeint ist und welches Vorwissen verwendet wird, kostet immense Zeit und kann ziemlich anstrengend sein. Und mensch hat ja auch Druck von außen — hier mal ein Abgabetermin oder da das heimliche Bedürfnis, dass doch bitte irgendein signifikantes Ergebnis zum Vorschein tritt und nicht alles umsonst war.

All das nötigt dann zu einem berechtigten „okay, hier muss ich eine Grenze ziehen, das setzte ich implizit voraus“. Das ist notwendig und okay, aber es öffnet die Tür für Fehler und Missinterpretationen oder sogar absichtliche Schlampigkeiten.

Kleines Beispiel? Man untersucht eine Menschengruppe, die man unter dem Schlagwort „vegane Mütter und ihre veganen Kinder“ zusammenfasst, definiert dabei aber nicht präzise, was unter Veganismus verstanden wird. Angenommen, die Mehrzahl dieser Mütter supplementiert aus Unwissenheit oder Ablehnung kein Vitamin B12 und die Studie entdeckt einen Mangel bei deren Kindern. Wer die Studie liest, kann daraus ziemlich einfach „Eine Studie hat gezeigt, dass eine vegane Ernährung nicht gut für Kinder ist!“ gewinnen — ungeachtet der Tatsache, dass die Studie eher von einer „veganen Ernährung ohne Vitamin B12 Supplementierung“ handelt. The devil is in the detail.

Und selbst wenn mensch sich der wissenschaftlichen Gründlichkeit verschreibt, führt das zu einem anderen Problem: Ein „präziser“ Text ist nicht gleichzusetzen mit einem „verständlichen“ Text. Präzision, die hochkomplexe Sachverhalte beschreibt, hat notwendigerweise selbst eine komplexe Struktur: umfangreiche Erklärungen, Nennung von möglichen Fehlern, Eingehen auf alle Faktoren, … Leserlich für andere ist das nicht!

Dazu ein Anekdötchen: Eine gute Freundin hat wirklich lange mit ihrer Psychologie-Bachelorarbeit gekämpft, weil sie dem Ideal der gewissenhaften Wissenschaftlerin gefolgt ist. Herausgekommen ist ein ziemliches Monstrum einer Bachelorarbeit, wahrscheinlich sehr vorbildlich gewissenschaftet… Darauf gab’s vom Erstkorrekteur eine 1.0 — bereits einen Tag nach der Abgabe. Schmunzelnd-spekulierend stelle ich mir vor, dass der Professor nach ersten umfangreicheren Eindrücken in den Vorgesprächen keine Zeit/Energie/Lust verfügbar hatte, die Arbeit mit der angemessenen Gründlichkeit zu analysieren (;

Umstrittenheit von Ernährungstheorien

Von den praktizierenden Wissenschaftlern zurück zu uns kleinen Menschen, die wir gerne beurteilen möchten, ob die uns dargebotene Ernährungswissenschaft wirklich „die Wahrheit“ präsentiert. Das Fazit oben war, dass eine gewisse Grundskepsis dabei geboten ist.

Wie beurteilen wir dann aber, was wir für „recht sicher“ annehmen, was wir als falsch einschätzen und was wir als „vielleicht ist das so“ abspeichern? Wir müssen eine Entscheidung treffen. Anhand welchen Maßstabs? Ein oft verwendetes Kriterium ist wohl die Glaubwürdigkeit der Quelle der Ergebnisse.

Damit stolpern wir aber in das nächste Problem. Der ganze Markt der (Un)Gesundheitstheorien ist so zugebombt an vermeintlichen wissenschaftlichen Ergebnissen, dass es uns fast schwindelig werden muss, wenn wir uns in deren Hintergründen orientieren wollen.

Wie kann es sein, dass zwei Studien gegenteilige Ergebnisse ziehen? Steckt hinter der „Gesellschaft zur Förderung der Lupine e.V.“ [Anm.: zufällig ausgewähltes Beispiel] nun ein Lobbyverband oder eine Truppe wahrheitsliebender Wissenschaftler auf der Suche nach einem gesellschaftsbereichernden Agrargut? Welche pseudowissenschaftlichen Studien/Erkenntnisse werden uns nur gut als Wissenschaft getarnt? Was ist einfach mal so dahergesagt?

Auf den Punkt: Für uns Empfänger ist es schwierig zu beurteilen, ob die uns präsentierten Wahrheiten von wahrheitsliebenden, gewissenhaftigen Wissenschaftlern oder von monetären/politischen/… Interessen erschlossen worden sind! Glücklicherweise kriegen wir für diese Einschätzungen oft Hilfe von Dritten an die Hand: Zum Beispiel von Minger, die auf Probleme in Campbells Werk hinweist — oder von Campbell, der auf Probleme in Mingers Kritik hinweist (;

Oder wenn eine Zeitschrift davon berichtet, dass im Gremium einer Studie über Kuhmilch Vertreter des Landwirtschaftsverbandes saßen. Die Studie verliert dann ein enormes Maß an Glaubwürdigkeit. Zurecht. Auf der anderen Seite kann es ja aber auch nicht „wahrheitsliebend“ sein, wenn ein Vertreter einer Industrie „wahre“ Ergebnisse verschweigen müsste, weil er per se voreingenommen ist. Und wer sagt uns, dass der*die Kritikübende nicht ebenfalls Interessen verfolgt?

Mmmh… Eigentlich kann so ein Einfluss durch Voreingenommenheit nur veranlassen, dass eine Studie noch aufmerksamer untersucht wird. Aber dafür hatten wir Nicht-Wissenschaftler ja keine Zeit. Was tun wir stattdessen?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber: Wenn ich ohne Vorwissen einen Satz lese wie „Die von Pollmer angegebenen Studien würden verschiedene Aspekte nicht berücksichtigen, was die Daten verfälsche., dann geschieht in meinem Kopf weit mehr als ein sachlich-nüchternes „Okay. Irgendjemand behauptet, dass in den von Pollmer verwendeten Studien verschiedene Aspekte nicht berücksichtigt worden sind“. Neeein. Viel eher blizt mir ein spontanes „Oah, was? Der Kerl pfuscht! Was er wohl für Interessen hat?“ auf…

Und das ist gefährlich! Weil hier eine wirkliche, mündige Außeinandersetzung mit der Materie durch ein recht spontanes Gefühl ersetzt wird. Das bietet nämlich auch Interessengruppen (Lobby, politischer Verein, …) die Möglichkeit, wissenschaftliche Ergebnisse der Gegenseite ziemlich einfach zu untermauern: Mal eben in den Raum stellen, dass ein*e Wissenschaftler*in/Politiker*in unseriös ist oder ihn*sie einfach mal lächerlich machen — kommt eben weit unmittelbarer bei uns an als wissenschaftliche Erklärungen.

Campbell hat diese Problematik sogar in der China-Study angesprochen. Dass es reicht, das Prädikat „umstritten“ angehaftet zu bekommen, um nicht mehr als Grundlage für Argumentationen gelten zu können. Und so ist es dann auch gekommen — die China-Study kann mensch heute nicht wirklich als Argument anbringen ohne damit abgetan zu werden, dass man umstrittene Quellen verwende (auch die Umstrittenheit ist selbstverständlich ein wichtiges Indiz, aber entwertet sie eine Quelle vollständig?).

Unterwanderung der Ernährungswissenschaft

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit einer Quelle kann uns ganz schön orientierungslos zurücklassen. Und es gibt noch weitere Faktoren, die unsere Orientierung stark verwischen können. Zum Beispiel dass in der Ernährungsgesundheitswelt wahrscheinlich sehr viele Informationen unterwegs sind, die a) keine wirkliche wissenschaftliche Grundlage haben und/oder b) von Menschen als Wahrheiten weitervermittelt werden, die selbst keine umfangreiche Fachkenntnis haben.

Als ich einst per Anhalter gereist bin, bin ich von einem netten Mann mitgenommen worden. Dieser Mann war angestellter Ingenieur, aber drauf und dran, sich als „Produktempfehler“ für einen Hersteller von Ernährungssupplementen (Vitamine, Eiweiße, …) selbstständig zu machen. Produktempfehler heißt, dass er Menschen empfiehlt, dass dieses oder jenes Supplement seines Repertoirs gut für sie wäre.

Aber halt mal. Der Mann war doch Ingenieur. Und fängt jetzt einfach so an, Menschen „zu empfehlen“ (aka „zu verkaufen“), was gesund für sie ist? Sicher hatte er ein paar Schulungen, aber eine wirkliche mehrjährige fachliche Ausbildung schien er nicht zu haben.

Auf meine Nachfrage, wozu die von ihm „empfohlenen“ Supplemente gut seien und warum wir überhaupt in breiterer Hinsicht auf Supplemente angewiesen sein sollten, kamen einige Schlagworte aus der Ernährungswissenschaft — viel mehr wurde aber über Lifestyledinge geredet, die mit seiner Tätigkeit zusammenhingen.

Ich vermute, solche Fälle gibt es zuhauf. Kann es das sein? Dass eine Kombination aus „keine fachliche Ausbildung“ und „eigene finanzielle Interessen“ uns über unsere heilige Gesundheit berät?

Aus monetärer Sicht funktioniert das jedenfalls. Es reicht ja, wenn der Empfehler eine Glaubwürdigkeit (Kompetenz/Sympathie/Erfolg) weckt. Und vielleicht scheint er einer guten Freundin von mir glaubwürdig. Die gute Freundin ist aber für mich glaubwürdig (Glaubwürdigkeit als transitive Relation xD). Und so macht alles seine Runde…

Was tun?

Die Liste von Problemen in der Welt der Ernährungswissenschaft und der Vermittlung ihrer Erkenntnisse ist hier noch lange nicht erschöpft (weitere Ideen: Studien beschreiben immer nur Wahrscheinlichkeiten, nie kausale Zusammenhänge — … — Wieviel „Wahrheit“ geht wohl verloren, wenn mensch komplexe wissenschaftliche Theorien für den Nicht-Wissenschaftler verständlich machen möchte? — …), aber machen wir an dieser Stelle mal Schluss.

All diese Probleme bemerke ich auch bei meinen Außeinandersetzungen mit den Themen Gesundheit, Ernährung und Lebensmitteln immer wieder im Kleinen. Wenn mein neuer Artikel schon wieder ungewollt über 2000 Wörter lang geworden ist — wenn ich mich dann frage, ob so viel Text überhaupt noch jemand lesen will — wenn ich etwas über gesundheitliche Auswirkungen von Essen schreibe und mir bewusst wird, dass dahinter auch eine gewisse Verantwortung steckt — wenn ich mal wieder nicht beurteilen kann, wie seriös meine Quelle ist — …

Was kann ich daraus für ein Fazit ziehen? Zurück zur religiös organisierten Gesellschaft? Bitte nicht (; Alles Mist? Mmmh, auch nicht… Ich glaube (!! ^^) tatsächlich, dass unsere Ernährungswissenschaft einigermaßen funktioniert. Das schließt aber nicht aus, dass sie nicht gleichzeitig sehr fehler- und missbrauchsanfällig sein und sich schwertun kann, ihre Erkenntnisse an uns Menschen weiterzureichen.

Wie versuche ich mit alledem umzugehen? Mmh… Oft genug bin ich ratlos. Und sonst bleibt nur eine persönliche Distanz zu vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnissen — egal ob sie nun gegen oder für eine vegane Ernährung sprechen. Das eigene Wissen über gesundheitliche Theorien zu unserer Ernährung für andere vorsichtig formulieren. Menschen, die ihre (Un)Gesundheitsaussagen als feste Wahrheit präsentieren, für suspekt halten…

Mündigkeit und so

… und versuchen, sich auf sich selbst zu verlassen. Das erfordert, sich möglichst differenziert zu informieren. Womit wir nochmal an einem wichtigen Punkt sind: Eine mündige Gesellschaft ist angewiesen auf Menschen, die bereit sind, sich tiefer mit komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen außeinanderzusetzen! Wenn wir uns auf alle „wissenschaftlichen“ Aussagen einfach verlassen und keine Lust haben zu hinterfragen, was/wer dahinter steckt, dann ist klar, dass wir leichterdinge an der Nase herumgeführt werden können.

Mein „wir haben eh keine Zeit dazu“-Szenario von oben ist da ziemlich unvorsichtig-unmündig dahergesagt. Warum ich mir das erlaubt habe? Mir macht diese ganze Ernährungsthematik halt ein wenig Spaß — prinzipiell bin ich aber eher der Auffassung, dass es noch andere gesellschaftlich-kritische Bereiche als die Ernährungswissenschaft gibt, in denen wir uns erstmal ermündigen sollten.

Was unsere Ernährungsgesundheit angeht, reichen uns doch eigentlich die vier Argumente aus, dass a) ich mich selbst mit meiner veganen Ernährung wunderbar gesund fühle, b) es nun mehr als genug überlebende Langzeitveganer*innen gibt, c) Patrick Baboumian und d) der Veganismus ethisch notwendig ist, da andere Ernährungsformen immer auf Tod und Misshandlung anderer Tiere angewiesen sind.

Alles weitere ist Feinarbeit und bietet Nicht-Veganer*innen nur Platz, darüber zu reden, ob Margarine nicht ungesund ist — statt darüber zu reden, dass für die Herstellung ihrer Butter Kühe eingesperrt und zwangsgeschwängert werden müssen.

Deshalb… lieber Bühne frei für Diskurse und Selbstbildung über Genderproblematiken, den Kampf gegen Rassismus, für ein gesundes Miteinander, eine Änderung unseres Lebensstandards, für eine produktive und biologische Landwirtschaft, für … (:


Im nächsten Teil dieser Artikelreihe will ich den Einfluss von Interessen — ob nu Interessen ganzer Wirtschaftszweige oder unser aller ganz persönlicher Interessen — genauer beleuchten: Warum (Un)Gesundheitstheorien so anfällig für Interessensteuerung sind, wie Interessen uns in unseren „ich glaube dieser oder jener Theorie“-Entscheidungen beeinflussen, …

 

Die Kleine Küchenphilosophie ist mein gelegentliches, bewusst subjektives Gedankenschlendern über Einstellungen und Gefühle zu den Themen Essen, Kochen, Ernährung und ihren gesellschaftlichen Kontexten.

 

Verwendete Quellen:

[1] The China Study. The most comprehensive study of nutrition ever conducted. Von T. Colin Campbell und Thomas M. Campbell II. Dallas, 2006.
[2] rawfoodsos.com – The China Study: Fact or Fallacy? (Ursprüngliche Kritik von Denise Minger)
[3] nutritionstudies.org – Minger Critique (Campbells Reaktion auf Mingers Kritik)
[4] rawfoodsos.com – The China Study (Sammlung aller Artikel Mingers zur China Study)
[5] wikipedia.de – Udo Pollmer

 

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