Kleine Küchenphilosophie: Ekel, Geschmack und Gewohnheit

Kleine Küchenphilosophie Nietzsche

Ekel ist ein faszinierender Affekt: Dieses Prickeln, die Intensität und die Nähe zu einer unangenehmen Situation, der wir nicht ausweichen können. Einer Situation, der wir fern bleiben wollen. Und der wir uns doch manchmal gezielt aussetzen — in Filmen, in Erzählungen, in einer Trance aus Neugierde…

Nicht nur das, nimmt dieser unangenehme Zustand sogar eine zuträgliche soziale Rolle ein. Menschen können miteinander lachen, was sie einst gemeinsam für „ein ekliges Zeug“ gegessen haben. Menschen können einander liebevoll aufziehen, wenn sich einer von ihnen „anstellt“ und vor etwas harmlosem ekelt. Menschen können Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie ihren Ekel nur möglichst vehement betonen.

Ekel ist ungefährlich

Wie kann es sein, dass ein eigentlich unangenehmes Gefühl eine so herzhafte Rolle spielen kann? Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass das daran liegt, dass Ekel uns zwar am ganzen Körper schüttelt, er im Gegensatz zu anderen negativen Affekten (wie z.B. Angst) in der Regel aber in Situationen auftritt, die eigentlich ungefährlich sind.

Spinnen in der Wohnung, Maden in der Biotonne, Bakterien auf der Türklinke… Alles nichts, wovor wir uns ernsthaft fürchten müssten. Diese Harmlosigkeit macht es uns leicht, ein ambivalentes Miteinander mit diesem prickelnden, intensiven Affekt zu haben.

Wenn man genau hinschaut, sind die Dinge, vor denen wir uns ekeln, oft die größten Normalitäten. Bakterien sind überall und halten alles Leben in Gange. Schweiß gehört zu unserer Biologie und erfüllt sinnvolle Zwecke. Kot ist wertvoller Dünger und ebenfalls unentbehrlich für den Lebenskreislauf. Ein abgeschnittener Fingernagel ist noch immer derselbe Fingernagel, der vor fünf Sekunden am eigenen Finger hing.

So betrachtet scheinen unser laut tönendes „Iiiih“ und der Ausfall eines großen Teiles unserer Gehirnfunktion dann plötzlich reichlich übertrieben

Die „Mir schmeckt das nicht“-Grenze

Ekel spielt auch bei unserer Ernährung eine große Rolle. Ein „Mir schmeckt das nicht“ ist der kleine Bruder des Ekels.

Habt ihr schon einmal genauer beobachtet, welche Haltung ihr selbst und die Menschen um euch herum einnehmen, wenn euch etwas nicht schmeckt? Bin ich der einzige, dem da oftmals Dinge wie Selbstbewusstsein, Kompromisslosigkeit, Absolutheit auffallen? Mir kommt es so vor, als würden wir ganz schön gerne davon berichten, was uns nicht schmeckt.

Was tun wir, wenn wir so selbstbewusst zu unserem Nicht-Geschmack stehen? Essen ist Quelle von Freude, Glück, schönen Gefühlen. Wenn uns ein (gesundes) Lebensmittel nicht schmeckt, heißt das nichts anderes, als dass wir die Freude, die es uns bescheren könnte, nicht erfahren können.

Wenn wir unseren Nicht-Geschmack dann noch selbst als Teil unserer Persönlichkeit annehmen, sagen wir vollkommen Ade zur Möglichkeit, uns an diesem Geschmack zu erfreuen. Wir stellen uns selbst Grenzen auf.

Offenheit gewinnt

Warum sagen wir in so absoluter Weise „X schmeckt mir nicht“? Können wir nicht anders damit umgehen? Offen bleiben? Uns doch gelegentlich wieder an diesem einen Geschmack versuchen? Eine sanfte Demut an den Tag legen? „Ach, mächtiger Gott des Kümmels, warum bleibt mir deine Weisheit nur unzugänglich?“ Wäre es nicht schön, diesen Geschmack nicht nur genießen zu können sondern auch die Macht zu besitzen, jedes einzelne Gericht mit diesem Geschmack verfeinern zu können?

Sicher kann es nicht darum gehen, uns wegen unseres Nicht-Geschmacks zu schämen oder zu etwas zu zwingen. Aber es kann um eine andere Grundhaltung gehen, darum, sich weniger zu versperren, um Offenheit, um Neugierde, um ein Bedürfnis nach mehr Vielfalt.

Mein Geschmack ist meine Persönlichkeit …

Zugegeben, das klingt alles ganz schön pathetisch (; Und doch glaube ich, dass dahinter nicht nur die Frage nach leckeren Lebensmitteln steckt! Ein weiterer Punkt, warum Ekel (und Geschmack) zwischenmenschlich eine so große Rolle spielen, ist der, dass wir uns heutzutage in großem Maße über unseren Geschmack definieren.

Was uns gefällt und was nicht ist der Ursprung unserer Individualität schlechthin. Mein Geschmack ist meine Persönlichkeit! Mir schmeckt das, dir schmeckt das, … darauf einen Like-Button … wir alle sind verschieden … und das ist auch gut so …

Die aktive Neugierde, die ich oben für unseren Essensgeschmack gepredigt habe, erstreckt sich damit auf so vieles anderes: Warum gefällt mir diese Kunst nicht? Wieso finde ich diesen Menschen nicht attraktiv? Warum kann ich dieser Kultur wenig abgewinnen? Alles Bereiche, in denen wir nichts als dazugewinnen können, wenn wir aufhören, unseren Geschmack als einen so unveränderlichen Teil unserer Persönlichkeit zu betrachten.

… ist veränderlich

Dieser ganze Ansatz fußt auf einem Gedanken: Geschmack ist formbar, Geschmack ist Gewohnheit — Mein Geschmack ist meine Persönlichkeit ist veränderlich!

Das ist keine große Neuigkeit und es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Man denke an Nahrungsmittel, die in der einen Kultur als Delikatesse gelten und in einer anderen größte Ekelgefühle auslösen. Naheliegend sind auch Beispiele von Geschmacksstoffen wie Salz, Zucker oder Schärfe bei denen man sich leicht an ein Toleranzlevel gewöhnt.

Genau diese Gewohnheitseigenschaft des Geschmacks ermächtigt uns, unseren Geschmack aktiv selbst zu formen und möglichst viel des grenzenlosen Spektrums an möglichen Geschmäckern genießen zu lernen. Ich selbst durfte mich schon mehrfach und in verschiedenen Bereichen davon überzeugen und glaube, dass dieses Potenzial wirklich überraschend weit reicht!

Von klein auf

Wohlgemerkt: Die offene Haltung bedeutet nicht, dass Geschmack unser einziger Bewertungsmaßstab bleibt. Ungesundes Essen können wir aus gutem Grund ablehnen (und dabei eklig oder auch lecker finden). Genauso Essen, das auf Kosten von Tieren oder der Umwelt produziert wird. Und wir müssen uns auch nicht daran versuchen, Gefallen an Kunst mit rechtsradikalen Motiven zu finden.

So mächtig, wie wir werden können, wenn wir das Gewohnheitsprinzip für uns zu nutzen erkannt haben, ebenso eingeschränkt können wir werden, wenn wir es nicht erkennen: Wenn es uns bei unseren Gewohnheiten hält, für Neues versperrt, uns keinen Raum für Neugierde lässt…

… wenn wir Pflanzenmilch nicht mögen, weil sie „komisch“ schmeckt oder wenn wir Dinge sagen wie „ohne Käse könnt ich aber nicht“. Auch das, was wir von klein auf essen, ist nichts anderes als tief sitzende Gewohnheit!

In diesem Sinne: Schnappt euch was, was eurer Nase, eurer Zunge, eurem Kopf nicht gefällt und fangt an zu schnüffeln, zu züngeln und zu flirten!

 

Die Kleine Küchenphilosophie ist mein monatliches, bewusst subjektives Gedankenschlendern über Einstellungen und Gefühle zu den Themen Essen, Kochen, Ernährung und ihren gesellschaftlichen Kontexten.

 

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